Vorstellung „Mein Jahr im Senegal“

Am Mittwoch, den 11.09.2013 um 20 Uhr werde ich im Antoniuskindergarten in unserem Dorf einige Fotos aus meinem Jahr zeigen und viel erzählen. Ich lade alle Interessierten herzlich ein!

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Von Weltbürgern und Heimatforschern – Meine Rückkehr

Am 11. August um 20:38 Uhr hob mein Flieger in Dakar ab und ich verließ nach knapp 11 Monaten den Senegal. Am 12. August um ca. 14 Uhr betrat ich nach ungefähr einem Jahr wieder mein Heimatdorf. Erster Eindruck: Alles komisch!

 

Der Abschied fiel mir natürlich unheimlich schwer. So viele Menschen und eine ganze Kultur mit all ihren Speisen, Sprachen, Kleidern, sozialen Regeln usw. waren mir innerhalb dieses Jahres vertraut geworden und ans Herz gewachsen. Der Gedanke all dies auf unbestimmte Zeit zurückzulassen ist quälend. Dennoch tröste ich mich damit, sicher zu sein, dass ich eines Tages – ob in einigen Monaten oder Jahren – wieder kommen werde. Um mich würdig zu verabschieden, habe ich für jeden eine Fotoabschiedskarte gebastelt und den Pfadfindern ein Fotobuch erstellt mit Bildern von ihrer Partnergruppe in Deutschland sowie von jeglichen Ereignissen im Aktionsjahr 2012/13, die wir gemeinsam hatten. Sie haben mir ein Halstuch mit Unterschriften geschenkt! Selbst die Kirchengemeinde hat mir zum Abschied eine Stola mit ihrem eingestickten Logo anvertraut. Meine Gastmama gab mir Zuckererdnüsse mit und einige andere Freunde ließen es sich nicht nehmen, mir Stoffe, Duftkräuter (jetzt habe ich Afrika Zuhause!) und kleine Bilder zu schenken. Ich hingegen verteilte den Großteil meiner europäischen Kleidung und viele andere Dinge, die nicht mehr in meine Koffer passten. Wie oft ich meine 6 traditionellen Kleider, von denen ich doch keines dort lassen wollte, hier wohl tragen werde? Der Abschied war tränenreich.

 

Schreckliche Angst hatte ichErstes Deutsches Mittagessen gehabt, dass ich mich in Deutschland gar nicht erst wieder einfinden würde. Doch letztendlich tat es einfach zu gut alle und alles wieder zu sehen. Natürlich war vieles am Anfang noch seltsam: Die Menschen sehen alle weiß aus, keiner versteht meine spontanen Wolof-Ausrufe, der Kühlschrank ist völlig überfüllt, Erdbeeren, Kälte, kein Sand in den Straßen, niemand singt, die Begrüßungen sind kurz, das Frühstück üppig und  Hunde der beste Freund des Menschen. Aber so sozial kalt wie viele Ex-Freiwillige die Deutschen beschreiben sind wir meiner Meinung nach gar nicht. Unbestritten erlebte ich im Senegal eine sehr große, bedingungslose Solidarität. Diese ist hier vielleicht nicht so schnell und überall zu finden, jedoch gibt es viele Kreise, die nach den gleichen Werten handeln: Die Familie, ein guter Freundeskreis, die Pfadfinder. Bei der ersten Pfadfindergruppenstunde liefen mir meine alten Gruppenkinder schreiend zur Begrüßung in die Arme und selbst die Leiterinnen und Leiter ließen es sich nicht nehmen mich einmal fest zu drücken. Alle fragten interessiert nach meinem Wohlbefinden und Erlebten, informierten mich über die neusten Infos vor Ort. Stundenlang sitze ich mit meiner Familie am Küchentisch zu quatschen, ganze Nächte unterhalte ich mich mit meinen Schwestern. Als ich durch unser Dorf ging, um meine Cousine zu besuchen, begrüßte ich mich mit Unbekannten mit einem freundlichen „Guten Tag“. Viele Menschen kennen mich aber auch und wir bleiben stehen und „schnakken“ eine Runde.

 

Zwei meiner ersten Besuche waren jene bei meinen Großeltern. Zum einen, um von meinem Jahr zu berichten, zum anderen, um sie mal ganz genau zu interviewen. Meine Großeltern sind oft die einzigen, die auf meine Erzählungen von Tierschlachtungen, Familienleben, Schulleben, Hierarchien etc. folgend eingehen können: „Ja, das kenne ich von damals! Bei uns früher…“ Und ich spitze die Ohren. Denn da ist eine Sache, die ich begriffen habe: Im Senegal hat jeder meiner Freunde seine Ethnie – Serrere, Wolof, Diola, Mandiak, Tuculeur, Pular, … Sie kennen ihr Ursprungsdorf und reisen für traditionelle Feste an, sie haben traditionelle Musik, Kleidung, Gerichte und sprechen ihre Heimatsprache. Sie sind stolz auf diese Eigenarten und tauschen sich unter einander munter damit aus. Und ich? Mein Opa hat nun angefangen, mir Plattdeutsch beizubriMeine Großeltern und ichngen und mir erklärt woher mein Nachname stammt. Meine anderen Großeltern holten einen alten Stammbaum heraus, den wir gemeinsam studiert haben. Und falls ich die Möglichkeit finde, werdet ihr mich bald in einem traditionellen norddeutschen Kleid zu Gesicht bekommen.

 

So komme ich zurück aus der weiten Welt, fühle mich mehr als je zuvor als Weltbürger, der an jedem Ort dieser Erde glücklich werden kann, aber doch habe ich verstanden, wie wichtig die eigene Herkunft ist. Und das ist nicht alles, was ich gelernt habe. Viel habe ich über die globalen sozialen Ungleichgewichte erfahren und habe neben den Gründen dafür aus Politik und Wirtschaft vor allen Dingen, die direkten, persönlichen Auswirkungen erkannt, so dass meine Motivation und mein Wissen zur Veränderung dieser Zustände gewachsen ist. Persönlich habe ich mich weiterentwickelt, so dass mir selbstständige Entscheidungen leichter fallen und ich akzeptieren kann, dass diese auch mal allen anderen gegen den Strich gehen dürfen und trotzdem nicht schlecht sind. Wie sehr ein Mensch von seinem Umfeld beeinflusst ist und bis zu welchem Punkt ich mich anpassen muss, habe ich begriffen. Unkonventionelle Ideen haben und den Mut sie unter die Leute zu bringen, möchte ich genauso wie, von mir zunächst als „unlogisch“ und „schwachsinnig“ beurteilte Überzeugungen anderer nochmals wertfrei und offen betrachten, um gemeinsam kreative und effektive Lösungswege zu entdecken. Kurz: Die Kraft haben, das Beste in jeder Idee und jedem Menschen aufzudecken.

 

Ich möchte mich tausend Mal bei allen bedanken, die mir dieses Jahr ermöglicht haben, ob durch Vorbereitung und Unterstützung aus Deutschland (Organisation, Familie, Freunde, …) als auch durch so liebe- und wertvolle Begleitung in allen Tiefen und Höhen vor Ort (Liebe Senegalesen, die ihr euch das alles übersetzt: Danke!). Es war mir eine große Freude diesen Blog zu schreiben und ich bedanke mich für das Interesse. Falls ich vor dem Studium noch Zeit finde, ergänze ich ihn noch, um meine Erfahrungen in der Psychiatrie, Politischem Jugendverband etc. Ansonsten muss ich wohl wehleidig feststellen, dass dies mein letzter Eintrag ist. Wer noch immer Interesse hat, den lade ich herzlich ein zu einer meiner (Foto-) Präsentationen meines Auslandsjahres zu kommen oder sich mit mir zu treffen. Sprecht mich an! Termine folgen hier in wenigen Wochen!

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Die Caritas – Lebensretter

Einen Monaten absolvierte ich ein Praktikum bei der Caritas in Thiès. Mit Schrecken erkannte ich, dass die Projekte unter dem Grundsatz „Hilfe zu Selbsthilfe“ manchmal erst nach einigen Monaten der Soforthilfe ansetzen. Auch wenn die solidarischen Familiennetzwerke einen Großteil lebensgefährlicher Armut vermeiden, fehlt es noch zu vielen Menschen hier an Lebensmitteln, einer Behausung oder Kleidung.

 

Nordsenegalesische NaturDie meisten Projekte der Caritas finden direkt vor Ort, in den Dörfern statt. Diese besonders von Armut gefährdeten Dörfer liegen weit abgeschlagen von einer guten Infrastruktur. Oft verließen wir mit dem Caritasauto die geteerten Straßen und holperten mehr als 30 Minuten bei einem Tempo von 60-80 km/h durch die Wüste/Steppe: nichts als Sand; vereinzelte Bäume; eine Hand voll Ziegen, die an Dornensträuchern knabbern; ein Hirte; Überreste eines Kuhgerippes; viele Strommasten; kleine Wassertürme; Kinder in Schuluniform; ein vertrocknet aussehendes Feld; einige per Hand arbeitende Landwirte unter der prallen Sonne; ein auf einem galoppierenden Dromedar Reisender; eine Herde magerer weißer (afrikanischer) Kühe; Auf einem Dorfkilometerweit aufgerissener Boden, zur Verlegung von Wasserleitungen; ein Eselkarren mit meterhoch gestapeltem Kleinholz; Frauen mit riesigen bunten Plastikwasserwannen auf dem Kopf auf dem Weg zwischen Dorf und Brunnen; zu Fuß reisende Frauen mit Kindern auf dem Rücken; ein Auto; hier und dort ein Dorf. Die immer neu abzweigenden plattgefahrenen Pfade sind erkennbar, aber mir ist eine Orientierung ohne Schilder und Gebäude unmöglich. Manchmal passieren wir ein Dorf und irgendwann kommen wir am Ziel an.

 

PalmblattzaunIn der Mitte eines jeden Dorfes findet sich zumeist eine Moschee, zudem einige schattenspendende Bäume unter denen auf den Bastmatten entweder Frauen sitzen, die lokale Produkte verkaufen oder einige Kinder spielen oder eine Gruppe Männer Attaaya (arabischer Tee) trinkt. Doch die Caritas lässt ihre Spuren: Kleine Wassertürme und ein Zementblock mit zehn Wasserhähnen oder ein kleines Speicherhuetten fuer HirseSpeichergebäude für Säcke mit senegalesischer Hirse. Die einzelnen Grundstücke mit mehreren Gebäuden (ohne Etagen) sind durch blickdichte Zäune, aus bambusartigen Material, Wellblech oder Palmblättern abgetrennt, die Wege zwischen ihnen erinnern mich teilweise an ein Labyrinth. Die Behausungen sind immer öfter Häuser aus Zement (wenn das Geld reicht sind die Schaumstoffmatratzen in Holzbetten gelegt und es gibt Wohnzimmermöbel wie ich sie aus Deutschland kenne)undErwerbsarbeit und Eigenernaehrung Zucht nur noch die Küche mit Feuerstelle und vielleicht ein, zwei Zimmer befinden sich in runden, mit Palmblättern gedeckten Hütten. Unter kleinen Unterständen finden sich Esel, Pferde, Ziegen, Hühner etc. und in traditionellen Speicherhütten unbearbeitete Hirse. Die Holzmörser, die wir zuhause für Pfeffer, Gewürzschoten, Knoblauch und Zwiebeln benutzen, gibt es hier in Kniehöhe mit entsprechend riesigen „Stampfern“. Darin mörsern die Frauen zu zweit unter Aufwand einer unglaublichen Kraft (ich sprecKueche in einer Huettehe aus Erfahrung) die Hirse zu Mehl. Einige Dörfer besitzen aber auch schon eine Maschine, die diese Arbeit übernimmt. Trotz Mangel an Elektrizität besitzen viele ein Handy und auch wenn einige Kinder noch solche Angst vor mir haben, dass sie weinen und sich hinter Mama oder Papa verstecken oder meine Haut auf Abfärben überprüfen, so bin ich doch selbst für die Kleinsten meistens nicht die allererste Weiße, die sie sehen. Ein Problem stellt leider noch immer Analphabetismus dar, Es fehlt an Geld für die Einschreibung, Bücher, Transport und Maschinen, die die ArbeiHirse moerserntskraft der Kinder ausgleichen könnte. Jedoch klappt die Kommunikation in Dörfern verschiedenster Ethnien mit der Nationalsprache Wolof meistens recht unproblematisch.Einen Versuch war es wert...

 

Nun aber zu einigen Projekten der Caritas. Wie oben genannt gibt sie z.B. Anstoß zur Gründung einer „Cerealienbank“, dem Speichergebäude von der Hirse, die ein Großteil der Bevölkerung anbaut und konsumiert. So sollen lebensgefährdende Hungerkrisen wie sie durch zwei schlechte Erntejahre 2011 und 2012 entstanden, vermieden werden.Kommunes Speichergebaeude

 

~~~~Teilweise heißen die Projekte „Kamp gegen und Anpassung an die Versteppung (Ausbreitung der Wüsten) und wachsende Trockenheit durch den Klimawandel“. Die Menschen in Westafrika müssen sich an im globalen Norden produzierte Probleme anpassen, bevor sie selbst von dem verursachenden Wohlstand wie eigenem Auto, übermäßigem Fleischkonsum, billigen internationalen Produkten, Flugreisen etc. profitieren konnten. Währenddessen spricht man in unseren Breitengraden davon, dass der Schutz des Klimawandels natürlich nie zur Minimierung unseres Wohlstandes führen dürfe. Ich finde, er sollte es. ~~~~

 

Die Caritas konstruiert auch Toillettenhaus(Steh-)Toilettenhäuser für einige Familien, die vorher nur „hinterm Busch“ als Abort hatten; immer einhergehend mit entsprechenden Bildungsveranstaltungen zur täglichen Hygiene (Jährlich sterben im Senegal zwischen 400 000 und 500 000 Kinder an Durchfallerkrankungen). In eine, anderen Projektt stellt traegt die Caritas zur Eröffnung von lokalen „Gesundheitshütten“ bei. Sie sind für mehrere Dörfer und für Familien, denen das Geld für den Transport fehlt, die einzige Möglichkeit einer medizinischen Hilfe. Jedoch fehlt es immer an Geld, Medikamenten und gut ausgebildeten Mitarbeitern. Die Caritas kommt regelmäßig her, um eine Öffentlichkeitsveranstaltung auszurichten. Die lokalen Mitarbeiterinnen "Gesundheitshuette"bereiten ein Gericht zu, welches besonders nährreich ist und teilen dies an die anwesendenEssensausgabe: Reis in Erdnusssosse Kinder aus. Die Mitarbeiter der Caritas geben an jeden Haushalt mitgebrachte Hygieneprodukte, wie Seife, Desinfektionsmittel, Waschmittel oder teure Lebensmittel, wie (Puder-)Milch. Währenddessen und vor allem zu Beginn wird mittels Mischpult und Lautsprecher laut Musik abgespielt und getanzt, um Interesse zu wecken und an den Besuch der Caritas zu erinnern. Über die Mikrophone halten alle Verantwortlichen eine kurze Ansprache, in der Anstöße zur Vermeidung von Krankheiten und Mangelernährung Platz finden.

 

Ein weiteres Projekt der senegalesischen Caritas in Zusammenarbeit mit der nordamerikanischen Caritas hat die finanzielle Soforthilfe während einer Hungerskrise an pro Haushalt abzuleistende „Sozialstunden“ gebunden. Reinigungsarbeiten innerhalb des Dorfes, Baumschutzarbeiten (zum Schutz gegen die Versteppung) und Agrararbeiten auf einem kommunen Feld. Vorhergehend natürlich immer eine kurze Fortbildung. Beispiel: Um mit den seltenen, aber kräftigen Regenfällen Tanzeinheit waehrend der Kochvorfuehrungertragsbringend anzubauen, wird ein bestimmte Feldunterteilung und -bearbeitung praktiziert. Dass Völker, die jahrhundertelang von der Landwirtschaft gelebt haben, nun Probleme mit den vorzufindenden Zuständen haben, liegt übrigens unter anderem daran, dass sie während der Kolonisation gewohnte Arbeiten haben aufgeben müssen, um für die Kolonialherren Monokulturen anzubauen. Ebenfalls wird am Zahltag, wenn die Caritas kommt hier von eigens ausgebildeten Jugendlichen der Kommune eine „Kochshow“ präsentiert, natürlich auch zwischenzeitlich von animierenden Tänzen durchzogen.

 

Ein letztes Beispiel der vielfältigen Einsätze der Caritas soll die Arbeit in den Gemeinden sowie im Diözesanbüro sein. Hier findet nicht nur die Koordination der Projekte statt, diese Kleidung fuer BeduertigeHilfsinseln bieten auch Anlaufpunkt für Menschen mit Problemen in allen Lebenslagen: ein Vater, der nicht die Medikamente für seinen Sohn zahlen kann; eine Mutter, die seit 2 Tagen keine warme Mahlzeit für ihre Kinder kochen konnte und einen Sack Reis oder Hirse ausgehändigt bekommt; ein Student, der seinen Transport zur Universität in Dakar nicht zahlen kann; jemand, der seine Brille nicht bezahlen kann und im Lager der Caritas eine passende findet. Im Lager der Caritas findet sich außerdem ein großer Berg Säcke Altkleider – nicht importiert aus Europa, sondern gespendet in den örtlichen Gemeinden. Bei Überflutungen oder Großbränden kann so direkt reagiert werden.

 

Privatpersonen, Organisationen und christliche Gemeinden vor Ort aber auch im Ausland erlauben der Caritas einen so effektiven Einsatz für die Bedürftigen im Land (Christen wie Muslime). Wem könnte die Caritas wohl noch helfen, wenn sie ein kleines bisschen mehr Geld hätte? http://www.secours-catholique.org/

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Die Sache mit der Liebe

Vorweg: Eine Begegnung.

Als ich im Krankenhaus zu einer Nachuntersuchung wartete, unterhielt ich mich mit meiner Sitznachbarin. Die junge Frau von vielleicht 30 Jahren erzählte mir, dass sie nun Zweitfrau geworden wäre. Zwar hatte sie einen festen Freund über mehrere Jahre gehabt, der bereits ihre Familie kannte, allerdings viel Zeit in Frankreich verbracht und ihr nie einen Heiratsantrag gemacht hat. Heute hat sie immer noch guten Kontakt zu ihm. Sie entschied sich dazu, aufgrund ihres voranschreitenden Alters jemand anderes zum Mann zu nehmen. Ein halbes Jahr lang war sie mit einem bereits verheirateten Mann in einer Beziehung, bevor sie einwilligte ihm zur Zweitfrau zu werden und bei ihm und der Erstfrau einzuziehen. Dass sie nur die zweite Frau ist, stört sie nicht, da ihr Ehemann alle Geschenke, die er der ersten macht ihr ebenfalls gibt. Er behandelt beide mit gleichem materiellem Wohlstand, auch wenn die erste Frau schon einige Kinder mit ihm hat. Meine Gesprächspartnerin versteht sich gut mit den Kindern und auch mit der ersten Frau, die ihr während der Krankheit jegliche Arbeit abgenommen und sie rund um versorgt hat. Sie selbst arbeitet als Lehrerin und trägt so zum Familieneinkommen bei. Es ist zwar ihr Geld, aber sie gibt jeden Monat eine bestimmte Summe an ihren Mann und eine bestimmte Summe an die Erstfrau. Sie ist durchaus zufrieden mit den vorliegenden Umständen und Verlauf ihres Lebens.

 

Mich hat diese Begegnung beeindruckt, weil ich aus meiner Kultur gewohnt bin, dass der innigen Beziehung zwischen zwei Lebenspartnern mehr Bedeutung zukommt. Es ist für mich ungewohnt zu sehen, wie die Ehe fast rein als verpflichtende Zweckgemeinschaft dient. Die Tatsache eine Frau von vielen zu sein hat nicht im Geringsten zur Schmälerung ihres Selbstbewusstseins beigetragen, sondern eher zum Gegenteil. Diese Frau war selbstständiger und autonomer als einige Frauen im – als emanzipiert geltenden – Deutschland. Sie hat nicht nur eigenständige Arbeit und Einkommen, sondern auch ihr ganz persönliches, festes soziales Umfeld von Familie und Freunden.  Sie definiert sich natürlich unter anderem auch durch ihre Stellung als Ehefrau und sicherlich wird ihr bald die ehrenvolle Identität der  Mutter zugesprochen, jedoch heißt nicht eines ihrer Lebensziele, „den richtigen Mann fürs Leben zu finden“. Für sie stehen eigene, andere Ziele im Vordergrund, die im Senegal wie in Deutschland natürlich immer an die Erwartungen der Gesellschaft gekoppelt sind.

 

Unterschiede des Liebeslebens bzw. der Definition einer Beziehung gibt es einige. Am meisten Kontakt habe ich zu Jugendlichen zwischen 18 und 30 Jahren, die in einer relativ großen Stadt leben, und dementsprechend habe ich in diesem Milieu die meisten Beziehungen erleben und Vorstellungen mir anhören können. Wie in Deutschland gibt es die unterschiedlichsten Beziehungsformen und -wünsche, die mich manchmal zum Staunen bringen! Eine Freundin erzählte mir, dass sie gerne später eine Zweitfrau hätte – zur Entlastung. So verbringt der Ehemann immer nur einige Tage bei ihr Zuhause und einige Tage kann sie sich von dessen Versorgung erholen. (Zwei Häuser zu haben ist für die meisten Frauen wichtig.) Die einzigen Bedenken, die sie hat sind, dass der Neid die andere Ehefrau dazu bewegen könnte, ihr über Marabouts Unheil und Unglück zu verschaffen. Eine andere Freundin kann sich ebenfalls mehrere Frauen in ihrer späteren Ehe vorstellen, allerdings ist ihre unumstößliche Bedingung, dass sie selbst die Erstfrau ist. Übrigens wird nach dieser Rangordnung z.B. geregelt, wo der Ehemann die höchsten religiösen Feste feiert. Und wo wir gerade bei Religion sind: In aller Regel nehmen sich Christen zwar bibelhörig nur eine Frau an, jedoch gibt es auch hier inoffizielle Ausnahmen und „religiöse Mischehen“, die von den Priestern, Imamen und den Eltern manchmal als kritisch beurteilt werden und Fragen der Konvertierung aufwerfen. Entscheidender Punkt ist, dass die Kinder die Ethnie sowie Religion des Vaters annehmen. Muslimischer Mann und christliche Frau, scheint die „problemloseste“ Variante zu sein.

Bisous! - Küsschen! mit meiner Schwester und Tanten

Bedingt durch den europäischen Einfluss gibt es mittlerweile viele voreheliche Beziehungen, welche nicht der Kultur und auch nicht den religiösen Richtlinien folgen. Auch wenn sie oft über Jahre halten, wissen nichts desto trotz die Eltern manchmal nichts davon (siehe vorhergehender Artikel: „Tag ist Tag und Nacht ist Nacht“). Dies bedingt, dass sich die Beteiligten manchmal selten sehen. Mir fiel außerdem auf, dass Fernbeziehungen über sehr lange Distanzen ebenfalls über Jahre gehalten werden; bei äußerst seltenem Kontakt (wenige Male im Jahr). Andererseits bestätigten mir aber Jungen wie Mädchen, oder besser Männer wie Frauen, dass „Zweitbeziehungen“ keine Seltenheit sind. Sowohl männliche als auch weibliche Protagonisten, haben also mehrere Partner gleichzeitig, wovon die Betroffenen oft nicht direkt in Kenntnis gesetzt wurden, aber vor allen bei Fernbeziehungen solches ahnen. Andererseits gibt es auch viele Jugendliche, die solche „Zweigleisigkeit“, wie sie im Deutschen negativ ausgedrückt – und gesehen – wird, in ihren Beziehungen nicht akzeptieren und über solche Vorfälle ziemlich genau so urteilen, wie der Großteil der Deutschen es meiner Vermutung nach tun würden. Solche Phänomene sind allerdings tatsächlich erst durch den „Import“ der europäischen Kultur, z.B. im Fernsehen, aufgetaucht und beziehen sich meist nur auf die Zeit vor der Ehe.

 

Aller Anfang ist schwer. Um mit einem Mädchen eine Beziehung ein zugehen kommt der „Bittsteller“ um ein wochenlanges „Hof machen“ nicht herum. Erst bei der zweiten oder dritten Anfrage willigt sie ein. Sind sie erst mal eine Beziehung eingegangen, kann das Mädchen Geld (Taxifahrten, Diskoeintritt, Essen, …), Zeit, Aufmerksamkeit, Komplimente verlangen und viele Jungen reagieren! Es ist keine leichte, aber anscheinend eine ehrenvolle Aufgabe seine Dame zufrieden zu stellen. Oft sind es letztendlich auch die Mädchen, die eine Beziehung beenden. Vielleicht beurteile ich das Ganze auch zu voreingenommen, denn das von mir beobachtete (positive) Selbstvertrauen der Frauen würde glaube ich nach deutschen Maßstäben schnell unter der Kategorie „zickig“ eingeordnet werden; zumindest waren so meine ersten Eindrücke. Ich schätze, all dies hängt damit zusammen, dass es Tradition ist/war, dass der Mann vor Frau und ihrer Familie um die Hand anhält und auch genügend finanzielle Mittel für die Hochzeit aufweisen muss.

 

Und jetzt zu meiner Theorie des kulturellen Missverständnisses zwischen weiblichen Freiwilligen aus Europa und Nordamerika und den hier ansässigen Senegalesen! Der Grund, warum viele Freiwillige sich früher oder später mit ernstgemeinten Beziehungsanfragen auseinandersetzen müssen, liegt meiner Interpretation nach daran, dass sie ganz anders (viel zu offensiv?) auf die Jungen zu gehen und dieser Umgang diese oft überfordert, da sie die bedenkenlose Offenheit und Nähe als ernste liebende Zuneigung interpretieren. So heißt es, wenn es tatsächlich zu einer Beziehung kommt, am Ende nicht selten von den senegalesischen Jungen „Es war SIE, die auf mich zukam, da konnte ich ja nicht ablehnen.“, während für die Mädchen die Höflichkeiten des Senegalesen im Vordergrund standen! (Ob die Beziehung dann in einer Enttäuschung oder in glücklicher Zweisamkeit endet, sei damit nicht gesagt.) Ich weiß, dass ich mit solchen Beschreibungen Stereotype und Vorurteile verursache, die individuelle Persönlichkeiten in den Hintergrund rücken lassen. Jedoch möchte ich darauf hinweisen, dass bei der ersten Einordnung des Charakters einer Person, vor allem wenn sie in einem anderen kulturellen/sozialen Umfeld als ich aufgewachsen ist als ich, oft Fehler entstehen! Höflichkeit, Offenheit usw. werden verschieden interpretiert. „Die ist eine Zicke, das habe ich doch sofort gesehen!“ „Das ist doch nur ein Macho, das merkt man doch gleich!“ „Der verhält sich doch wie ein Mädchen, Männer tun so etwas nicht!“ „Der ist sowas von hinterhältig und fies, sowas macht man doch nicht!“ (Wer ist „man“ und nach wessen Wertvorstellungen wird hier geurteilt?) Dieses Schubladeneinordnen, welches mit einer oder wenigen Beobachtungen und „Menschenkenntnis“ begründet wird, funktioniert schon im näheren Umfeld nicht – weil sich nicht jeder den Erwartungen der Allgemeinheit beugt – und ist mir für eine unbekannte Kultur völlig unmöglich, da ich die Erwartungen der Allgemeinheit doch nicht einmal kenne! Vielleicht kann ich diese Erfahrung ja nutzen, um, mich selbst zu überwinden, deutsche Erwartungen an mich als Frau, als eine Freundin, als feste Freundin nicht mehr unbewusst zu bestätigen, sondern bewusst auf ihren Sinngehalt zu überprüfen. Dann tue ich Dinge, die hier als männlich, aber dort als weiblich eingestuft werden, sage Sätze, die hier als gemein, aber dort als direkt interpretiert werden, bin dort höflich, hier aber unhöflich mit ein und derselben Geste und stelle mal eben Gut und Böse auf den Kopf. Dadurch, dass ich eben aus einer fremden Kultur komme, habe ich das im Senegal ja bereits getan.

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Autoritäten und Hierarchien

 

Ein entscheidender Unterschied zwischen deutscher und senegalesischer Kultur ist, dass Hierarchien in dieser Kultur eine viel größere Rolle spielen. Wie ich in dem Blog zur Stellung der Familienmitglieder schon beschrieben habe, hat jeder einen ziemlich festen Platz in der Gesellschaft, in der Hierarchie innerhalb der Familie, in Betrieben oder auch in Organisationen wie den Pfadfindern.

 

Respekt vor den Eltern und vor allen Erwachsenen zu haben ist ein enorm wichtiger Aspekt in der afrikanischen Erziehung. Als meine deutschen Eltern hier zu Besuch waren, fiel ihnen auf: „Warum schauen uns einige deiner Freunde nie in die Augen? Das weckt doch den Eindruck von Scham und Verheimlichung.“ Ich stimmte zu, dass das auch nach meinen Maßstäben keine schöne Angewohnheit sei, ahnte aber schon, dass es eine Erklärung gibt und fragte nach. Meine Freunde erklärten mir, dass es als frech und respektlos gilt, fremden Erwachsenen lange in die Augen zu schauen. Tatsächlich fiel es mir nun auf, dass all meine Freunde oder die meiner Geschwister im Gespräch mit meiner senegalesischen Gastmama den Blick abwenden. Dieses Zeichen von Respekt zu zeigen, ist mir nahezu unmöglich, da ich es zu sehr verinnerlicht habe, den Menschen direkt in die Augen zu schauen, um meine Aufmerksamkeit zu zeigen. Ich hoffe, dass ich dadurch nicht zu häufig unhöflich wirke, denn selbst wenn ich dies jedem erklären könnte, wird der unterbewusste Eindruck einer Respektlosigkeit grösser sein als das Wissen über den kulturellen Unterschied. (So habe ich Monate gebraucht, um es nicht mehr als respektlos zu betrachten, wenn eine Person in einer Unterhaltung mit mir plötzlich jemand anderem antwortet oder ihn ausführlich zu begrüßen beginnt, während ich noch mitten im Satz bin, obwohl ich diesen für mich neuen Höflichkeitskodex doch schon lange verstanden hatte.)

 

Aber auch abgesehen von diesen kleinen Verhaltensunterschieden, muss ich sagen, habe ich meine Probleme mit dem hohen Respekt vor den Eltern. Der Satz „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ hat hier große Auswirkungen und die Füße bleiben gezwungenermaßen unter dem Tisch bis ein_e Heiratspartner_in gefunden ist. So fragte ein 25-jähriger Freund von mir seinen Vater um Erlaubnis, einen neuen Job in einer anderen Stadt anzunehmen, und blieb letztendlich hier. Oft haben die Jungen allerdings ab einem bestimmten Alter alle Freiheiten und ziehen manchmal aus. Die Mädchen werden aller Regel nach bis zur Hochzeit durch die Eltern bevormundet. Das ärgert sie zwar gelegentlich, wird jedoch akzeptiert, da es so selbstverständlich ist wie in Deutschland die Bevormundung eines minderjährigen Kindes durch seine Eltern. Zudem habe ich den Eindruck, dass vor den Augen der Eltern die Kinder hörig sind, aber es scheinbar in manchen Familien für beide Seiten in Ordnung ist, dass unter Jugendlichen selbst vieles anders abläuft. Ich teile die Wahrnehmung anderer Deutscher hier: Osterfeier bei Freunden„Tag ist Tag und Nacht ist Nacht“. Das bezieht sich darauf, dass sich nachts die Jugendlichen, zum Teil auf privaten Partys, unter sich treffen und all das tun (kurze Röcke tragen, sich in der Öffentlichkeit küssen, Händchen halten, …), wovon die Eltern nichts wissen oder wissen wollen. Ich präferiere eine (typisch deutsche?) bedingungslose Direktheit. Während es für die meisten Senegalesen undenkbar und ein Versagen in der Erziehung wäre, wenn die eigenen Kinder, alles ausdiskutieren wollen, mich im Streit anschreien und Türen knallen lassen, wäre mir dies sogar lieb, wenn ich dann doch weiß, was mein Kind wirklich will und es mir auch gesteht, welche meiner Verbote es bricht, damit ich ihm letztendlich dann doch helfen kann. Aber zu solchen Fragen sind ja selbst unter deutschen Familien die Meinungen divers.

 

Bei den Pfadfindern ist der erste Unterschied, dass es für eine Kindergruppe nicht einfach mehrere Leiter_innen gibt, sondern immer einen Chef und seine Assistenten. Nach außen wird dies durch verschieden gefärbte Stoffstreifen auf den Schulterklappen gezeigt. (Seitdem ich nicht mehr Assistent sondern Chef bin, kriege ich auch eher meinen Attaya-Tee.  😀 )Anstatt einer Lagerrunde gibt es zur Mitteilung von Informationen verschiedene Aufstellungen, in der die Leiterrunde frontal zu den Gruppenkindern steht. Die Autorität der Leiter ist sichtbar und spürbar. Das Verhältnis zwischen Gruppenkind und Leiter sieht also anders aus als ich es gewohnt bin. Heißt das nun, dass die Kinder die Leiter eine größere Ausübungsgewalt haben und sich mehr erlauben dürfen? Dass sie unsinnige Anweisungen geben können und die Möglichkeit haben, wahllos unangenehme Aufgaben zu verteilen? Dass die Kinder vor den Leitern Respekt haben, die Leiter aber nicht zu dessen Erwiderung gezwungen sind? So etwas in der Art hätte ich mir vorgestellt, doch das Ganze sieht entscheidend anders aus! Autoritär sein bedeutet hier deutlich mehr als die Entscheidungsgewalt zu haben. Ein Leiter ist in jederlei Hinsicht verantwortlich für seine Gruppenkinder und springt in jeder Situation für sie bedingungslos in die Bresche. Wenn die Lager für die Kinder zu teuer werden, zahlen die Leiter den doppelten bis vierfachen Preis! (In Deutschland gibt es häufig Ermäßigungen, um das Engagement der Leiter zu fördern.) Wenn am Ende eines Lagers das Geld nicht ausreicht, greift der Lagerverantwortliche in die eigene Tasche. Wenn beim Frühstück die Brote falsch kalkuliert wurden, versteht es sich von selbst, dass die höchsten Autoritäten nichts essen. Eine weitere wichtige Aussage des Stammesvorstandes ist „Ich sage niemals meinen Gruppenkindern: Mach jenes. Sondern ich sage: Folge mir!“ Wenn ein Jugendlicher Unsinn angestellt hat, wird er gerne zur Strafe mit einem Wassereimer überkippt. Immer wieder kommt es dazu, dass der bestrafende Leiter vorher einen Eimer über sich selbst entleert. Diese Art des Respekts und die andauernde, bedingungslose Achtung der Prinzipien kenne ich aus der deutschen Jugendarbeit weniger. An der deutschen Jugendarbeit schätze ich aber das engere Vertrauensverhältnis zwischen Gruppenkind und Leiter, welches eine größere Offenheit bedingt.

 

Dieses beschriebene System der Autorität findet sich auch in allen anderen Bereichen wieder. Wenn ich als Praktikant auf der Arbeit von meiner Chefin einen für mich verantwortlichen Mitarbeiter zugeteilt bekomme, dem ich auf Schritt und Tritt folge, so schickt mich dieser doch für jede Erfragung von Ausnahmefällen zur Chefin. Und auch die Arbeitnehmer selbst sind häufiger – meiner Einschätzung nach; die Einschätzung einer jungen Frau, die abgesehen von Praktika noch nicht in deutschen Betrieben gearbeitet hat – dazu verpflichtet, Entscheidungen „von oben absegnen zu lassen“. Wieder ist zu bemerken, dass die Chefin damit natürlich auch die gesamte, oft schwerwiegende Verantwortung trägt und für jedes Problem auch persönlich gerade steht.

 

Dies alles scheint eine schöne Beschreibung der „afrikanischen Hierarchien“ zu sein, so ist es jedoch viel mehr eine Offenbarung der deutschen Sichtweise gegenüber diesem Thema. Meine Schlussfolgerung zu all diesen „Auffälligkeiten“ ist, dass wir Deutsche einen Warnmechanismus gegenüber allzu bedingungslosen Autoritäten entwickelt haben. Die Aufforderung zum „bedingungslosen Gehorsam“, wie ich sie hier manchmal höre, lässt bei mir alle Alarmglocken läuten. Wir haben die Gefahr einer solchen Attitüde schmerzhaft im Dritten Reich verspürt bzw. andere spüren lassen. Jedes Mal, wenn ich solche Aussagen höre, läuft mir also ein Schauer über den Rücken und schnell erhebe ich Einspruch. Ich bin überzeugt davon, dass es eine sehr wertvolle Erfahrung ist, die wir kulturgeschichtlich in uns tragen. Sprachlich ist die Aufmerksamkeit gegenüber diesem Thema geweckt, dennoch kann ich nicht behaupten, dass Deutsche nun zwingend überlegter und kritischer als alle anderen Kulturen an vorgegebene Meinungen herangehen. Nur manchmal habe ich den Eindruck, dass auch die deutschen Handlungsweisen diesem Konzept folgen. Wie ich bereits in anderen Blogeinträgen beschrieben habe, spielt die Individualität in unserer Kultur eine große Rolle. Der Einzelerfolg wird gewünscht und anerkannt, während das Einfügen in eine gut funktionierende Gruppe zurück tritt. Hierarchien hin oder her: Bestehen tun sie überall, in beiden beschriebenen Kulturen, mal direkt sichtbar, mal indirekt. Letztendlich ist die Auslebung dieser jedoch sehr von einzelnen Personen und Gruppierungen abhängig.

 

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Freiwilligendienst, Entwicklungshilfe und andere Ungerechtigkeiten

Es gibt viele Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Zu viele. Wenn sie ein paar tausend Kilometer entfernt von mir geschehen stören sie mich nicht weiter. Ganz im Gegenteil ich lehne mich zurück, genieße meine Privilegien, in die ich glücklicherweise herein geboren bin, und bin sogar noch eine gute Seele, wenn ich eine Spende oder gar einen ach so aufopferungsvollen Freiwilligendienst leiste. Meine Privilegien wie uneingeschränkte Reisefreiheit, eine einwandfreie Gesundheitsversorgung, eine gute Schulbildung, die nicht geringe Wahrscheinlichkeit einen Job zu finden und viele weitere standen mir schon immer zu und werden mir auch nicht so schnell abgesprochen werden. Denn in dieser Welt spiele ich einfach meinen Trumpf aus und gewinne: Meinen deutschen Pass.

 

Nun bin ich hier und leiste meinen Freiwilligendienst. Ist es nicht aufopferungsvoll, sich den Wunsch zu erfüllen, in ein fremdes Land zu reisen, sich mit interkulturellen Kompetenzen weiterzubilden, seinen Lebenslauf aufzuwerten, sein Fernweh zu stillen und das Verlangen Gutes zu tun und dafür mit Respekt honoriert zu werden an den sich-nicht-selbst-helfen-könnenden Afrikanern gleich mit, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen, um die „weiter entwickelte“ europäische Sichtweise zu lehren? Irgendwie klingt das alles gar nicht mehr so ehrenhaft wie der Freiwilligendienst gewöhnlich beschrieben wird. So viele positive Intentionen auch hinter dem Freiwilligendienst stehen, so werden die Stimmen der Kritiker mit Büchern wie „Ego-Trip ins Elend“ oder „Wer anderen einen Brunnen gräbt…“ ( http://weranderneinenbrunnengraebt.wordpress.com/ ) doch immer lauter. Zu Recht! Das Konstrukt Freiwilligendienst – wie er momentan besteht – ist auf der Basis von fortgeführtem Kolonialismus denkbar. Sonst ergäbe er gar keinen Sinn. Wenn es ein tatsächlicher „Austausch auf Augenhöhe“ wäre, wie so gerne angepriesen, wieso habe ich dann in meinem ganzen Leben erst einen einzigen afrikanischen Freiwilligen in Deutschland getroffen, der – so wie tausende Europäer – persönlich und strukturell (auf dem Arbeitsmarkt) von den gemachten Erfahrungen ,wie interkultureller Kompetenz, Mehrsprachigkeit usw. , profitieren wird; der zurückkehren und berichten kann, dass die in Träumen ausgeschmückte Festung Europa – obwohl sie sich so irrsinnig abschottet gegen „die Feinde der Unterschicht“ (auch im Senegal setzen Menschen ihr Leben aufs Spiel, um mit einem schlichten, überfüllten Holzboot den letzen Weg zur Freiheit und finanziellen Versorgung ihrer Heimgebliebenen anzutreten) – doch eine gar nicht so einwandfreie Einrichtung und genau wie jedes Land seine Vor- und Nachteile besitzt. Nein, besser keine afrikanischen Besucher einlassen, so spricht die deutsche Visapolitik. Vorher hatte ich mich nicht genauer damit beschäftigt, aber jetzt ist mir klar, dass ich keinen meiner neu gewonnenen Freunde für ein, zwei Woche zu mir einladen könnte. Ich müsste Unsummen an Geld und Zeit aufwenden, um gegen die Bürokratie von Visa und „Fluchtversicherungen“ letztendlich doch zu verlieren. Aber wir in Europa müssen ja schließlich unseren Wohlstand verteidigen, gegen diejenigen, die ihn nicht verdient haben, weil sie… nun ja weil sie nun einmal unglücklicherweise dort geboren wurden, wo sie es wurden. Die Ständeordnung begründet auf der Geburt kennen wir doch schon aus dem Mittelalter, nicht wahr?

 

Irgendetwas läuft schief in dieser Welt!

 

Die im Ausland lebenden Angehörigen der Entwicklungsländer, die Diaspora, schicken jedes Jahr 250 Milliarden in ihre Heimatländer. Das ist ein Vielfaches aller Entwicklungshilfen. Aber warte, wo wir gerade schon bei der Kritik am „Helfersyndrom“ als Bevormundung waren: Was will Entwicklungshilfe denn sein? Die Hilfe sich zu entwickeln? Wohin denn entwickeln? Zur einzig „richtigen“ Art und Weise einer Zivilisation, der europäischen. Entwicklungshilfen sind immer an Bedingungen geknüpft und diese Bedingungen werden nach europäischen Wertvorstellungen festgesetzt, niemals nach afrikanischen. Jegliche Formen afrikanischer Bildungssysteme, Gesundheitssysteme, Wirtschaftssysteme, politischer Systemen wurden in der kolonialen Geschichte und werden teilweise bis heute als „unterentwickelt“ bezeichnet und die europäischen Systeme, mit der Androhung Entwicklungshilfen, Kredite oder wirtschaftliche Verbindungen zu kappen, zwangsdurchgesetzt. Was bleibt uns zu unserer Verteidigung zu sagen? Wir meinen es ja nur gut mit euch… also zumindest bis zu dem Punkt, an dem wir selbst etwas von unserer liebgewonnenen Vormachtstellung abgeben müssten.

Wir haben die Zukunft nicht nur an der sondern auch IN UNSERER HAND

Warum, bin ich, Larissa, also nun doch hier? Zum einen sind es tatsächlich egoistische Gründe, wie das persönliche Weiterbilden und Erlernen von interkultureller Kompetenz. Und ja, es ist ganz sicher der Wunsch da, etwas zu verändern! Aber erst einmal nicht HIER! Aufrütteln muss ich nicht diejenigen, die unter den globalen Ungerechtigkeiten leiden, sondern diejenigen die sie aktiv oder passiv, bewusst oder unbewusst unterstützen und das bin ich und „meine“ deutsche Gesellschaft, die wir mit unserem unreflektierten Konsum und Geldanlagen bei zwielichtigen Investoren (über „ganz normale“ Banken!) diese Schieflage finanziell unterstützen. Ich weiß, dass ein kultureller Austausch trotz all der genannten Probleme schlussendlich die Nord-Süd-Kommunikation und -Solidarität verbessern kann und gebe die Hoffnung nicht auf, dass gut gemeinte Projekte, wie Entwicklungshilfe, Freiwilligendienste, NGOs usw., sich beständig mit der Loslösung von postkolonialen Gedanken und Praktiken auseinander setzen. Auf dass wir ein paar Schritte weiter in Richtung globale Gleichberechtigung gehen.

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An die Realität angepasst – Micro-Kredite

Als Freiwillige der Diözese Thiès hatte ich die Möglichkeit für einige Tage in der Institution „Caurie Microfinance“ mitzuarbeiten. Ich habe mich schnell dafür begeistern lassen, weil es in meinen Augen ein Hilfsprojekt ist, das bestehende Strukturen sinnvoll aufgreift, um eine eigenständige Entwicklung zu fördern.

Das Zeichen von Caurie

Das Konzept ist mit Hilfe der Caritas sowie einer amerikanischen Hilfsorganisation entstanden, aber heute steht Caurie-MF auf eigenen Beinen und hat sogar mehrere Außenstationen in anderen senegalesischen Städten. Das Büro in Thiès ist zuständig für mehr als 150 „Dorfbanken“, so heißen die Frauengruppen aus verschiedenen Dörfern und Stadtvierteln, an die das Geld verliehen wird. Wer genau in dieser „Dorfbank“ ist, wird nicht von Caurie ausgewählt, sondern es handelt es sich hier um bestehende solidarische Gemeinschaften von Frauen, die alle bereits eine bestimmte „Aktivität“ verfolgen. Solche Frauengruppen haben im Senegal Einige Mitglieder während einer MonatssitzungTradition. Mit „Aktivität“ ist ihre berufliche Tätigkeit neben dem Haushalt gemeint, wie z.B. ANBAU von Früchten, Tomaten, Zwiebeln, Hirse, Mais oder Palmöl, Reisen für einen günstigen ANKAUF von Fisch, Honig, bestimmten Früchten und Gewürzen, WEITERVERARBEITUNG von Rohstoffen, wie Cashewkerne schälen und in Tüten verpacken, aus Hirse und alten Plastiktüten Hirsebesen binden, Fisch räuchern, Reisen zu verschiedenen Märkte oder bestimmten Straßen, wo die Nachfrage für diese Lebensmittel, Zwischen- oder Endprodukte gefragt sind, um dort zu VERKAUFEN, einen kleinen KRÄMERLADEN betreiben, SALZ ABBAUEN im See „Lake Rose“, DIENSTLEISTUNGEN anbieten, in einem Friseursalon oder einer Schneiderei, TIERZUCHT betreiben und vieles weitere. Vorgabe ist es, dass diese Gruppe für die Aufnahme als Dorfbank von Caurie zwischen 35 und 100 Mitglieder hat. Nun werden noch Untergruppen gebildet, die so genannten „Solidaritätsgruppen“ mit 3 bis 15 Mitgliedern. Soweit die Strukturen. Auf geht’s zur ersten Sitzung.

 

Ein Vertreter (bei Gelegenheit begleitet durch eine/n neugierige/n Praktikant/in, wie meine Wenigkeit) fährt also zu dem Treffpunkt der Gruppe, entweder bei einem Mitglied zu Hause im Hof oder ein Gemeinschaftszentrum, um ihnen nach vorher gehender Ausbildung diesen Angelegenheiten, ihren Kredit zu vergeben. Monatliche Sitzung, Kassenwärtin und SekretärinAlle Mitglieder der Bank müssen anwesend sein, Verspätungen (ab mehr als einer Stunde) müssen Strafe zahlen und bevor jedes Mitglied sein Soll für diese Sitzung nicht bezahlt hat, geht niemand nach Hause. So sind die Richtlinien für die Zusammenarbeit. Für gewöhnlich wird der erste Kredit über 50 000 Fcfa ausgestellt, was etwa 75Euro entspricht, und geht einher mit kleinen Plichtzahlungen für die Einschreibung, Versicherung und einer kleinen ersten Einzahlung auf das Sparkonto. Nun findet jeden Monat eine gemeinsame Sitzung statt, in der etappenweise die (insgesamt) 10% Zinsen zurückgezahlt werden, eine Minimum-Ersparnis von 25% auf das eigene Konto eingezahlt wird und monatliche Mini-Kredite aufgenommen werden können. Nach 6 Monaten wird der genommene Kredit komplett zurück gezahlt. Welche Absicherung hat die Bank, wenn das Geld nicht vorhanden ist? Hier kommen die Solidaritätsgruppen ins Spiel. Innerhalb dieser sprechen sich die Mitglieder schon vor den Sitzungen ab, ob es Probleme und Hilfsbedarf gibt und es wird eine logistische und auch finanzielle Lösung gefunden, schließlich wollen die anderen Mitglieder weiterhin von der Zusammenarbeit mit der Bank profitieren.

 

Die Mitglieder werden soweit es geht zur autonomen Arbeit gebracht. Für die gesamte Gruppe findet eine zweitägige Ausbildung vor Ort statt, in der die Abläufe und Strukturen anschaulich und auf Wolof erklärt werden. Ein Großteil der Mitglieder ist schließlich analphabetisch. (Unterschriften in allen Prozessen werden gewöhnlich mit Fingerabdruck vergeben.) Außerdem nehmen Präsidentin, Sekretärin, KasSeminar in Thièssenwärtin und zwei Stellvertreterinnen an einem zweitägigen Seminar in Thiès teil, welches noch genauer auf alles eingeht. In den Sitzungen wird jede Transaktion in die Listen des Vertreters von Caurie, in das Sparheft der Klientin sowie in das Registerbuch der Dorfbank eingetragen. Anhand der steigenden Sparbeträge auf dem Konto und der folglich wachsenden Kreditgrößen wird erkennbar, wie erfolgreich das Projekt verläuft. Die Motivation der Frauen ist deutlich spürbar. Einige Banken befinden sich nun schon im zwanzigsten 6-Monats-Zyklus und auf dem letzen Seminar wurden 14 neue Banken vorbereitet. Zusätzlich bietet Caurie auch Sonder-Einzelkredite an, die aber nicht mit der Solidaritätsgarantie abgesichert werden. Hier sind auch männliche Klienten zu finden. Mit Männerguppen arbeitet Caurie nicht mehr, da der einzige gemachte Versuch gescheitert ist. Viele der Männer haben die Gelegenheit genutzt, um mit dem Geld die Hochzeit mit einer weiteren Frau bezahlen zu können anstatt es in Arbeit zu investieren und konnten den Kredit nicht zurück zahlen. So blieb es bei den Frauen.

 

Ziel der Arbeit von Caurie ist es, den Ärmsten der Armen, die einer Bank keine Garantie vorweisen können, einen Kredit zur Förderung ihrer Arbeit zu ermöglichen sowie eine Mentalität des Ansparens von Geldern auf einem Konto zu etablieren. Zudem wird zu Anfang sowie nach einiger Zeit wiederholt der Nacharbeit im Büro„Stand der Armut“ mit Hilfe von internationalen Fragebögen ermittelt (Material des Hauses, Energiequelle zur Essenszubereitung, Art des Aborts, Elektrizität, fließend Wasser etc.) und die Entwicklung registriert. Das Projekt ist wie gesagt, an die Realitäten/Bedingungen vor Ort, vor allen in den Dörfern, angepasst, hilft zielgerichtet, mit relativ geringem finanziellem Aufwand und vor allen Dingen nachhaltig. Es fördert Eigenständigkeit, Selbstbestimmtheit, finanzielle Sicherheit, sowie das Selbstbewusstsein und die Eigenverantwortung und ist demnach meiner Meinung nach sehr unterstützenswert. (Ich hoffe, denke aber, dass alle Microkreditvergaben so sinnvoll aufgestellt sind.) Ich persönlich werde mich nach diesem Jahr ausführlich damit beschäftigen, dass mein „Geld auf der Bank“ nicht weiterhin für menschenrechtswidrige, aber doch so profitbringende Investitionen missbraucht wird, sondern solch sinnvolle Projekte durchfließt. Weitere Informationen zu Caurie-MF findet ihr hier: www.caurie-mf.com

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Wo Katz und Patient sich noch Gute Nacht sagen

Die Quantität meiner Blogeinträge nimmt sichtbar ab. Das liegt daran, dass mein Leben hier immer facettenreicher wird und wie das nun einmal so ist, möchte man sich keine seiner kostbaren Zeit mit den Freunden entgehen lassen, den neuen Job vollständig erledigen, gerade noch etwas für die Gemeindearbeit vorbereiten und am Ende noch ein wenig Zeit über haben, um mit der Familie zu plaudern. Und schließlich arbeite ich ja nur im Auftrag für die Heimgebliebenen, um viel zu erleben, damit ich am Ende alles erzählen kann, nicht wahr? 🙂 So habe ich keine Mühen gescheut, um für diesen Blogeintrag eine 5-tägige „Exkursion“ ins Krankenhaus zu machen.

 

Das Krankenhaus Saint Jean De Dieu befindet sich zentral in Thiès. Es ist privat, aber Anlaufstelle für einen Großteil der EinwohnerInnen von Thiès, denn es ist nicht allzu teuer und es gibt keine nennenswerte, erreichbare Alternativen. Nach dem Kauf eines Tickets (zwischen 3 und 5 Euro) begeben sich die Patienten in die überfüllte „Dispensaire“ Krankenstation, wo sie viele Stunden auf den entsprechenden Arzt warten, der sie dann behandelt, berät, Rezepte ausstellt oder ins Krankenhaus einweist. Wer gar kein Geld hat, riskiert also  einfach nicht behandelt zu werden. Ich selbst bin schon einige Male in diesem Jahr im Krankenhaus gewesen, z.B. wegen (unbegründetem) Verdacht auf Malaria oder chronischen Husten, wurde aber, da ich eine Mitfreiwillige und einen Arzt kenne, direkt im Krankenhaus untersucht. (Diese Kontakte anzuwenden ist moralisch vielleicht nicht richtig, mir meine Gesundheit aber zu wichtig, um es nicht zu tun.) Ärzte in Praxen gibt es nicht viele und sie sind privat und sehr teuer, also führt jegliches Gebrechen, egal ob es um Allgemeinmedizin, Dermatologie, Gynäkologie usw. geht, direkt ins Krankenhaus. Zeitliche Termine gibt es keine, um schnell an die Reihe zu kommen, empfiehlt es sich möglichst früh ab 8 Uhr dort zu sein oder jemanden im Krankenhaus zu kennen. Jedoch gibt auch all das keine Garantie, nicht für Stunden krank zu warten.

 

KrankensaalAls ich am Mittwoch mit Fieber zu Hause aufwachte und entschied, nicht zur Arbeit zu gehen, wusste ich noch nicht, dass ich in dieser Woche das Vergnügen einer stationären Aufnahme haben dürfte. Aber nach 2 Tagen mit hohem Fieber und starken Verdauungsproblemen, war ich am Donnerstagabend so geschwächt, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mich mit meiner Gastmama ins Taxi zu setzen. Im Nachhinein war es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen, im letzten Ausbildungscamp der Pfadfinder das ganze Brunnenwasser aus dem Dorf zu trinken… Froh über meinen europäischen Reichtum bezahlte ich zu allererst die Notfallgebühr, weil es abends war, (die etwa der Hälfte des Monatsgehalts eines Hausmädchens entspricht, umgerechnet 15 Euro) und wurde dann sehr schnell mit Infusionen usw. versorgt. Die Frage kam auf, in welchem Zimmer ich liegen wollte, Einzel- (38 Euro), Zweierzimmer oder großer Saal. Alles eine Frage des Geldes. Ich habe zum Glück eine Versicherung.

 

Dass in der Einzelkabine, in der ich schließlich unter kam, doch zwei Betten  für meine Gastmama und mich standen, kommt daher, dass es undenkbar ist, seine Kranken allein zu lassen. Jeder Kranke hat eine feste Begleitperson, die als persönlicher KrankenpflegerIn und moralische Unterstützung fungiert, natürlich nicht Meine Krankenkabine mit meiner Gastmamasein Bett bezahlt (im Saal aber auch nur seine eigene Matratze oder Bastmatte auf dem Boden auslegen kann), aber auch kein Essen bekommt. Insgesamt sind die Besuchszeiten recht ausgedehnt und tagsüber halten sich viele Besucher im Innenhof des einstöckigen Gebäudekomplexes auf. Den ganzen Tag über sitzen Menschen auf Bastmatten vor den offenen Sälen, beten, unterhalten sich. Regelmäßig wird Essen für die Patienten oder die Begleitpersonen gebracht. Ich selbst habe mich unglaublich über Besucher gefreut. Da waren nicht nur einige Freunde, die einmal vorbei geschaut haben, sondern auch meine Chefin vom neuen Job mit einem Arbeitskollegen, die ich ja nun wirklich erst seit wenigen Wochen kannte. Besucher im InnenhofAußerdem die Nonnen aus dem Kindergarten und die Mutter einer anderen deutschen Freiwilligen, die für mich einige Ave Maria gebetet und mich mit ihrem Rosenkranz gesegnet hat. Groß wurden meine Augen auch, als sich plötzlich die Leiterrunde der Pfadfinder in Kluft ins Zimmer quetschte und mir Gute Besserung wünschte. Der Krankenhausaufenthalt war für mich bestimmt nicht leicht, was vor allem daran lag, dass es der erste in meinem Leben (mit Ausnahme dessen meiner Geburt) war. Aber mit all den lieben Menschen kam nicht einmal Heimweh, sondern nur der Wunsch, in mein senegalesisches Zuhause zurückzukehren, auf.

 

Der äußere Eindruck ist ein wenig anders als in einem deutschen Krankenhaus. So sind die Korridore nach außen hin nicht verglast sondern einfach offen und an den wenigenKrankenhausflur ausgebleichten Plastikscheiben, die davor geschoben sind, flitzen Salamander entlang. Gerne begegnet einem eine Katze auf dem Flur und ein paar Ameisen lassen sich auch nicht vermeiden. Die krankenhaustypische sterile Atmosphäre fehlt. Allerdings unterscheiden sich gelegentlich auch die Behandlungsmethoden, so werden kleinere Operationen am Fuß oder ähnliches gerne mit minimaler oder keiner örtlicher Betäubung schnell und ohne Rücksicht auf Schmerzen in dem einen multifunktionalen Behandlungszimmer durchgeführt. Das Krankenhausessen ist passabel bis spartanisch, wurde meines Wissens in den letzten Jahren aufgrund von KrankenhausessenSparmaßnahmen minimiert. Letztendlich erstaunenswert, wie viele Patienten doch mit so wenig Geld versorgt werden. Und dennoch hörte ich leider Sätze vom Arzt zur Krankenschwester wie „Das sind zu viele Patienten heute, ich bin alleine hier! Ich arbeite diese ab und die anderen müssen nun einmal morgen wieder kommen.“ Stationär aufgenommen fühlte ich persönlich mich dennoch recht gut versorgt.

 

Letztendlich erfreue ich mich wieder guter Gesundheit und bin sehr glücklich, wieder Zuhause zu sein. Einige Tage Erholung muss ich mir noch eingestehen, aber das macht nichts, denn der nächste Besuch ist schon angekündigt.

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Starker und toleranter Glaube

Was glauben „die Senegalesen“ eigentlich?

 

Zuerst einmal solltet ihr wissen, dass der Senegal von vielen Menschen und Institutionen als Vorzeigebeispiel für religiöse Toleranz gilt. Auch ich staune gerne darüber, wie wichtig der Glaube, wie unwichtig aber die Glaubenszugehörigkeit ist. Mit Ausnahme von kleinere Neckereien und Sprüchen wie „Es sind meistens die Muslime, die den Müll auf die Straßen.“ Gibt es tatsächlich so gut wie keine  Auseinandersetzungen zwischen den Religionen. Freitag ist Tag der Muslime, Sonntag der der Christen. Jedes religiöse Fest ist ein Feiertag und wird gemeinsam gefeiert. Die entsprechenden Gläubigen laden die anderen ein oder bekochen sie, wie viele das auch sein mögen (denn das Essen und sich Herrichten sind die einzigen Geschenke). Bei interreligiösen Hochzeiten wird es zeitweise schwierig. Die Kinder haben ohnehin die Religion und Ethnie des Vaters, aber manchmal stellt sich die Frage, ob die Frau nicht ebenfalls zur Religion des Mannes konvertiert. Der Idealfall in meinen Augen ist, wenn die Hochzeit einfach einmal in der Kirche und einmal in der Moschee gefeiert wird und jeder seine Religion behält (durchaus so praktiziert).

 

Das beeindruckend tolerante Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen und auch Animisten zeigt sich unter anderem im Zusammenbeten. Wenn wir im Kindergarten zum „Herrn“ beten, ist es den Kindern egal, ob er „Allah“ oder „Lieber Gott“ heißt. Das wolof Wort „Yalla“ steht ohnehin für beide (oder den einen?) Gott. Bei den christlichen Pfadfindern beten wir jede Gruppenstunde zu Anfang und zum Ende alle gemeinsam erst christlich (auch die Muslime knien sich hin) und anschließend gemeinsam muslimisch. Ich habe christliche Freunde, die öfter zur Kirche gehen als alle meine deutschen christlichen Freunde zusammen, aber mir erklärt haben, dass sie eigentlich den christlichen Gott nur als den größten, den Sonnengott ihrer traditionellen Religion ansehen und sich als Animisten bezeichnen. Moscheen sind meistens grün-weißEs scheint mir einfach nicht so wichtig zu sein, wie genau du glaubst, Hauptsache du tust es. Folglich ist das Verständnis gegenüber Atheisten ist das einzige, was mir fehlt. (Aber selbst da kommt es in Diskussionen manchmal zu dem Punkt, dass der Glaube an ein Wertesystem bzw. eine Philosophie oder den Humanismus ja auch irgendwo ein Glaube ist.) Es ist unglaublich angenehm, in interkulturellen Glaubensdiskussionen gar nicht zu der kritischen Frage nach der Wahrheit zu kommen, weil für die meisten vollkommen klar ist, dass jede Religion nur eine andere Sichtweise auf ein und denselben unbegreiflichen Gott ist.

 

Mir kam einmal der Gedanke, dass der Glaube an den Frieden, wolof „Djamm“, der wichtigste im Senegal ist. In zahlreichen Redewendungen kommt er vor: „Schlafe in Frieden“, auf Fragen nach deinem Wohlbefinden, dem deiner Familie oder dem Verlauf deines Tages wird normalerweise „Nur Frieden“ geantwortet und sich mit „Bis morgen in Frieden“ verabschiedet. Wenn ich mit Senegalesen über die Vorzüge und Schattenseiten ihres Landes spreche, wird als positives Merkmal schnell der hier weilende Frieden genannt und tatsächlich wundert es mich, wenn ich mir die wirtschaftliche Lage, geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit, vor Augen führe, wie friedlich es doch ist.

 

Erstaunlich wird es für mich aber wohl immer bleiben, dass Koran und Bibel handfestere Argumentationsgrundlagen als wissenschaftliche Untersuchungsberichte darstellen. Das gesamte Wertesystem scheint auf Religion begründet und so steht im senegalesischen Recht geschrieben, dass jeder die Freiheit hat ebenfalls nach religiösen Vorschriften Heirat, Beerdigung und Rechtsprechung zu vollziehen – natürlich nur, wenn es nicht den Grundrechten widerspricht. Immer wieder in Diskussionen anstoßen tue ich z.B. an der Strafverfolgung von Homosexuellen, Glaube an Dämonen und Unheilsgebete oder der Ablehnung der Evolutionstheorie. Letztendlich führt die Diskussion darauf hinaus, dass wir schlichtweg in verschiedenen Gesellschaften aufgewachsen sind und deren Meinung als unsere übernommen haben.

 

Irgendwie ist es manchmal eine ernüchternde Erkenntnis, dass ich mich den äußeren Einflüssen meiner Herkunft so einfach so hinzugeben scheine. Mir wird dann wieder einmal klar, wie wenig von meiner Meinung doch auf eigener Überlegung beruht und wie viel meines Denkens und Handelns ich vorerst nur mit „Das ist halt so, das weiß doch jeder“ begründe. Und mir würde es nicht mal auffallen, dass ich es auch anders denken und machen kann, wenn dieser „jeder“  nicht in jeder Kultur sein Gesicht verändern würde. Was dann aber die zweite viel erstaunlichere Erkenntnis ist: Eigentlich machen all diese Unterschied gar nicht so viel aus! Am Anfang habe ich mich noch sehr darüber geärgert, dass am Ende mein Diskussionspartner immer noch die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich auslegt und weiterhin davon überzeugt ist, dass die Schadensgebete ihrer Kollegin für den schlechten Tag auf der Arbeit verantwortlich sind. Irgendwann wurde mir aber klar, dass es gar keinen Sinn hat sich über solche Differenzen aufzuregen. So bleibe ich nur an dem Punkt unermüdlich, wenn es um das Wohl ihrer selbst oder anderer geht. Z.B. Wenn jemand während der Fastenzeit bis acht Uhr abends nichts trinkt und isst oder das Gebet als Ersatz einer problemlösenden Reaktion fungieren soll.

 

Die häufige Antwort auf konkrete Absprachen und Termine mit „In Challa…“ (Wenn Gott will…) regt mich nicht mehr auf, sondern zum Lachen an. An senegalesische Pünktlichkeit und Verbindlichkeit habe ich mich schon gewöhnt und plane damit, wenn ich sie nicht sogar schon selbst praktiziere. (Nein, nein, es ist gar nicht so, dass mir persönlich noch drei Mal mehr die Uhrzeit eingebläut wird, weil ich unpünktlicher bin als einige Senegalesen… 🙂 )

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Umgang mit dem Tod

Innerhalb eines Jahres werde ich mit vielen Seiten des Lebens konfrontiert, eine davon ist der Tod. Ich kann von Glück sprechen, dass bislang keine mir nahestehende Person hier gestorben ist. Doch kam es in der vergangenen Woche zu einem Todesfall in näherer Umgebung und somit erlebte ich ein Beispiel wie mit diesem traurigen Ereignis umgegangen wird.

 

Grundsätzlich beeinflussen Todesfälle ein sehr großes Umfeld, da oft kaum Unterscheidung zwischen naher und entfernter Verwandtschaft gemacht wird. Alle Verwandten der älteren Generation heißen Eltern, alle im gleichen Alter werden Cousinen und Cousins betitelt. Manchmal werden Cousinen und Cousins auch zu Geschwistern. Folglich beeinflusst ein Todesfall die ganze Großfamilie. Zudem kommt, dass wenn eine Person stirbt, es selbstverständlich ist, dass auch Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen der Hinterbliebenen Beistand leisten, selbst wenn sie den Toten nicht kannten. (So ging z.B. das gesamte Kollegium des Kindergartens zur Beerdigung des Onkels einer Erzieherin.)

 

Bei diesem konkreten Fall starb eine junge Frau im Alter von 20 Jahren und ließ ihr Kind, welches kein ganzes Jahr alt ist, zurück. Ihre jüngere Schwester ist Pfadfinderin bei uns und die ganze Familie ist natürlich in der christlichen Gemeinde bekannt. Als wir von dem Tod erfuhren, war es gerade der Wochentag der Pfadfindergruppenstunde. Wir versammelten uns also wie gewohnt und beschlossen dann selbstverständlich anstatt der üblichen Aktivitäten geschlossen zum Haus der Verstorbenen zu gehen. Dort versammeln sich für einige Tage alle Verwandten und Freunde, um gemeinsam zu trauern, selbst wenn der oder die Tote nicht vor Ort ist (in diesem Falle im Krankenhaus in Dakar). In dem Moment unserer Ankunft vor dem Haus, wurde mein lockeres Gespräch mit einem Freund abrupt unterbrochen. Eine Frau stürzte schluchzend aus einem Taxi und rannte in das Haus. Ich hörte klagendes Schreien, leierndes Singen und Trampeln aus dem Inneren. Die Pfadfinder (mit Halstuch)setzten sich still vor das Haus und wurden mit Handschlag von einigen bereits anwesenden begrüßt, die Anteilnahme wahrgenommen. Eine Frau kam weinend, singend und trampelnd tanzend zur Tür, verschwandt wieder im Inneren. Die grausame Geräuschkulisse aus dem Haus erzeugte eine bedrückende Stimmung.

 

Die Leiterinnen und Leiter, betraten das Haus, um Anteilnahme auszusprechen, versammelten sich aber letztendlich nur in einem Zimmer in der ersten Etage und verließen das Haus ungetaner Dinge. Während diesem kurzen Gang durch das Haus, wurde ich mit einer mir völlig fremden Art der Trauer konfrontiert. Ich sah einige Frauen wimmernd auf dem Boden sitzen, andere tanzten, die Arme klagend zum Himmel, eine von ihnen begann plötzlich laut zu schreien und fiel nieder. „Kräftige Männer“, die heran gerufen wurden, trugen die Bewusstlose nach draußen. Ich war schon aufgelöst als ich nun wieder draußen war, doch es nahm kein Ende. Eine Frau kroch auf Knien zur Tür, um ihre Klagen zu verkündigen. Eine andere rannte plötzlich schreiend heraus, man folgte ihr schnell, um sie zurück zu holen. Etwas später schrie ein junges Mädchen drinnen wie am Spieß und einige Männer trugen sie aus dem Haus, während sie sich wehrte und „Meine Schwester, meine Schwester!“ rief. Nicht nur ich, auch die anderen Pfadfinder und ein paar Männer, die ebenfalls mit uns vor der Tür standen und saßen, kämpften mit den Tränen.

 

Bis zur Beerdigung verging fast eine Woche, da das Herkunftsdorf der Familie in Guinea-Bissau liegt (keine Seltenheit der städtischen Bevölkerung) und die Anreise der Verwandten dementsprechend lange dauert. Die Pfadfinder kamen natürlich in Kluft, um „Dienst“ zu leisten. Ein Minibus brachte uns zur entsprechenden Kirche. Die kleine Kirche war völlig überfüllt und im gesamten Innenhof saßen Menschen. Die Trauernden trugen traditionelle Kleidung, nur die nahen Verwandten (etwa 15 Leute) trugen Weiß. (Ob sie Weiß oder Schwarz tragen entscheiden sie unter sich, besonders bei Jugendlichen wird meines Wissens eher Weiß bevorzugt.) Die Pfadfinder verteilten sich in der Kirche und an den Eingängen, um die Kirchgänger an freie Plätze zu verweisen und Trauernde, denen die Messe zu nahe ging, in ein benachbartes Haus zu begleiten oder zu tragen. Nach der Messe führte der Trauerzug zum anliegenden Friedhof. Alles verlief weitgehend friedlich, abgesehen von weiteren stillen oder lauten Zusammenbrüchen einiger Frauen. Als wir mit dem Minibus zum Haus der Trauernden fuhren, weinten viele. Ein Mädchen konnte sich nicht zurückhalten, so dass sie vor Schluchzen keine Luft mehr bekam und über die Köpfe hinweg aus dem völlig überfüllten Bus hinausgetragen wurde. Wir waren nicht die einzigen, die vor dem Haus im Minibus vorfuhren, es waren geschätzt über 400 Leute anwesend. Es spielte sich alles draußen ab. Neben dem Haus setzten sich die Gäste nieder, nach und nach stellten sich die ersten zu einer Reihe auf, um den nahen Verwandten ihr Beileid zu bekunden, eine Spende abzulegen und sich eine kleine Kekstüte (Leichenschmaus?) zu nehmen. Anschließend gingen die meisten Heim. Was genau im Inneren Kreis der Familie geschieht weiß ich nicht.

 

Für mich war all dies sehr gefühlsaufreibend. Solche starken emotionalen Reaktionen bin ich nicht gewohnt und die markerschütternden Schreie haben mich demnach tief berührt. Mir wurde erklärt, dass diese Art der Trauer Teil der afrikanischen Kultur ist. In vielen animistischen Glaubensausrichtungen gibt es übrigens keine Hölle, sondern nur das Paradies. Diese Tatsache so wie die feste Überzeugung, dass Gott bewusst über den Tod entscheidet und der Mensch sich damit abfinden muss, letztendlich also der starke Glaube, lassen die Trauer überwinden.

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